Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Worauf es ankommt

Zeitbedingtheit

Somit liegt nicht allein das historisch, sondern auch das geistig-seelisch Wichtigste in dem Umstand beschlossen, nicht allein dass eine Stillstandsgebärde innerhalb des Webens der Möglichkeiten eintritt, sondern welche erfolgt. In gutem Sinn bedeutsam wird nur die, welche die realen Kräfte der Zeit zu neuem, entwickelterem Sinneskörper zusammenfasst. Nun können wir aber eine weitere Frage stellen: wann bedeutet die Erneuerung einen echten Fortschritt? Dann, und dann allein, wenn die neue Gestalt weitere und tiefere Erkenntnis zum Ausdruck bringt. Alle anderen Wandlungen bereichern das Leben nur; diese führt aufwärts.

Darüber zu urteilen, ob eine Neuerung einen Fortschritt bedeutet oder nicht, gestattet die Fähigkeit, das Mögliche als solches zu erfassen und als unmittelbaren Körper des freien Wesens zu verstehen. Der reine Historiker bleibt sachgemäß bei der Auffassung stehen, welche Leibniz in bezug auf Gott vertrat: jede Gestaltung sei die zur Zeit bestmögliche — eine Auffassung, die sich sogar der Metaphysiker Hegel insoweit aneignete, als dieser jede Philosophie als notwendige Stufe des Erkenntnis-Fortschritts rechtfertigte; unter Annahme des Gegebenen als letzter Instanz besteht sie zu Recht. Aber die Einsicht, zu der wir am Anfang unserer Betrachtungen gelangten, war ja gerade die, dass das Wirkliche nicht letzte Instanz ist; als solches untersteht es den Normen der reinen Freiheit, die in der Erfahrungswelt, gleich wie ein Sinn in bestimmt-geregelter Sprache, nur Ausdruck gewinnt. Hinsichtlich Luthers dürfen wir z. B. sagen: trotz seiner Zeitbedingtheit wäre es sehr wohl möglich gewesen, dass er sich zu tieferer Einsicht durchgerungen hätte; dies wäre dann geschehen, wenn er, anstatt beim Buchstaben der Bibel vielfach stehenzubleiben, deren Bedeutung tiefer erfasst hätte. Gewiss hätte er auch tiefstes Wissen zeitgemäß ausgedrückt; das Fatum von gestern bietet überall das Material zum Freiheitskörper von morgen. Aber sein Wissen wäre dann ganz anders fruchtbar geworden.

Vom Begriff der Zeitbedingtheit aus lässt sich das zeitlos Gültige, auf dessen Erfassung und Realisierung es letztlich ankommt, in seinem Wesen besonders klar begreifen. Man kann bloß modern sein oder auch zeitgemäß, ohne dass dieser Umstand Kurzlebigkeit bedingte; diesen Unterschied erweist schon das banale Beispiel des Vergleichs zwischen kleinen und großen Schneidern. Letztere zeigen sich, ohne je Unmodernes zu schaffen, vom Modewechsel doch wie unabhängig. Wie hängt dies zusammen? — Bloß modern ist der, welcher auf die Ausdrucksmittel des Augenblicks ausschließlichen Nachdruck legt. Dies tun z. B. Dadaisten und Futuristen, welche weniger exzentrisch als allzu oberflächlich-zeitlich sind, insofern sie nicht auf den Sinn des neuen Formwillens, der als solcher eines sowohl zeitgemäßen, als auch zeitlos gültigen Ausdrucks fähig wäre, das Hauptgewicht legen; deshalb müssen sie sich fortlaufend überleben, und es spricht nicht eigentlich gegen, sondern für das metaphysische Bewusstsein der Jungen von heute, dass sie grundsätzlich keinen Dauerwert anstreben, sogar eine Altersgrenze für jede Richtung festlegen — nicht trotzdem, sondern weil jene bald überschritten sein wird. Vollendetes metaphysisches Bewusstsein verhält sich anders. Solches strebt gerade aus der Erkenntnis der wesentlichen Zeitbedingtheit jeder Gestaltung nach Zeitlos-Gültigem; dieses wird erkannt, wo immer der Sinn als solcher eingesehen und der Nachdruck auf ihn gelegt wird. Hier liegt das Geheimnis aller Künstler, deren Werke nie veralten. Hierauf beruht letztlich das Fortleben aller bestimmten Religion und Philosophie, deren jede sich sonst bald überleben würde. Bei wahrhaft Wissenden bedeuten eben Begriffe und Dogmen unwillkürlich nicht mehr als Ausdrucksmittel; bei solchen liegt das Bewusstsein ursprünglich jenseits der Gestalt. Und je mehr dies jeweilig der Fall war, desto länger und tiefer wirken sie. Yajnavalkya, Buddha, Lao Tse werden nie veralten, obschon auch sie ihr Wissen in zeitbedingtem Vorstellungskörper ausdrückten. Luther hingegen war in vielen Hinsichten bloß modern, trotz all seiner Größe; deshalb verblasst heute sein Stern. Die Welt, die er erschuf, war wohl die bestmögliche vom Standpunkt seiner Beschränktheit, nicht aber im letztdenkbaren Sinnesverstand.

Die Welt könnte aber jederzeit zur absolut bestmöglichen werden. Dieser Wahrheit, zu der uns abstrakte Überlegung schon zu Beginn unserer Betrachtungen geführt hatte, vermögen wir jetzt, zum Schluss, einen so konkreten Körper zu erschaffen, dass sie als taterzeugende Neuerung wirken wird. Es gibt ein Jenseits der Wirklichkeit, welchem wir wesentlich angehören, dem all unsere Entschlüsse ihren Ursprung danken; in aller Natur, allem Fatum gerinnt ursprüngliche Freiheit. Alles Schicksal ist, im großen betrachtet, innerlich bedingt. Die Schärfe der Erfassung realer Kräfteverhältnisse, deren umsichtige Nutzung entscheidet über irdische Macht, in der Religion und Philosophie wie in der Politik, denn nur das Zeitgemäße kann wirken in der Zeit; an der Tiefe der Sinneserfassung, welche die zeitliche Gestaltung zum Ausdruck bringt, bemisst sich der Ewigkeitswert. Ist dem nun also, dann ist die Stunde gekommen, der Moira ihre letzten Herrschaftsrechte streitig zu machen. Viel ist ihr seit Griechentagen bereits abgetrotzt; nur zu Zeiten, wie den Jahren des großen Kriegs, während welcher ein unerhörtes Übermaß an geistiger und moralischer Unfähigkeit, ein beinahe anorganischer Initiativemangel auf der karmischen Grundlage eines Jahrhunderts fortschreitender Mechanisierung in die Erscheinung trat, kann sie den Versuch wagen, ihre alte Stellung wiederzuerringen. Sie hat es tatsächlich dahin gebracht, dass die allerjüngste Geschichte an den Urzustand der Titanenkämpfe gemahnt. Desto mehr gilt es jetzt, dass Zeus siege. Aus tiefster Sinneserfassung heraus müssen wir nunmehr innerlich ergreifen, was uns bisher von außen her betraf. Alles Geschehen müssen wir zu unserem Schicksal umschaffen, alles Schicksal ins Reich persönlicher Freiheit hineinbeziehen. Nicht im Verstand des Amor fati, des bloßen Jasagens zum Geschick, sondern in dem von dessen Überwindung. Denn wenn es wahr ist, dass zunächst nur ein geringer Teil der Welt seinen Herrscher am Geiste hat, so kann dieser sich jene allmählich ganz unterwerfen. Die Welt hängt nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich zusammen; jenes in statischem Daseinsverstand, dieses im Sinn der Möglichkeit. Wenn es nichts Äußerliches gibt, was der Mensch nicht zum Sinnbild des Innerlichen erobern könnte — bedeutende Menschen erleben nur Schicksalhaftes, unbedeutende nur Zufälliges —, so gibt es auch kein Schicksal, das freier Wille sich nicht zu seinem Ausdrucksmittel umschmieden könnte.

Es ist drum Zeit, mit dem üblichen Gerede vom Fatum, der Gnade, der Fügung aufzuhören. Es gibt kein anderes Fatum als das karmisch aus der Summierung freier Entschlüsse Auskristallisierte. Es gibt keine Gnade, die nicht zur rechten Stunde käme, keine Fügung, welche sich nicht vom Sinn her vorwegnehmen ließe. Von selbst, aus kosmischem Urwollen heraus, geschieht alles Wesentliche. Selbstverständlich ist dieses nie äußerlich zu fabrizieren, es muss erwachsen, und was erwächst, wird eben, für unsere Begriffe, von selbst. Aber man soll nicht beim selbstverständlichen Gegensatz von Gewächs und Gemächte stehen bleiben: im Bereich des Von selbst kann das persönliche Bewusstsein seinen Sitz errichten — und dann gehorchen ihm die Mächte des Alls. So allein ist die Frage sinngemäß zu stellen. Viele beurteilen die Zumutung, das Kosmische dergestalt ins Persönliche hineinzubeziehen, als Entweihung: in Wahrheit bedeutet es Selbstschändung des Menschenwesens, wenn dieses seine Bestimmung nicht ganz erfüllen will. Keine Abhängigkeit vom Äußerlichen darf als endgültig anerkannt werden; es ist recht eigentlich unwürdig, bloß passiv abzuwarten, bis dass die Not der Zeit den rechten Mann gebiert. Der Geist kann nicht allein vorwegnehmen, was nottut, dem Erforderlichen vermag er praktisch den Weg zu bereiten. Auch dann kommt es schließlich von selbst, nur eben sehr viel früher und schneller. Vor allem aber kann der rechte Mann, welcher dann kommt, in genauerem Verstand der Rechte sein, als je bisher geschah.

Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Worauf es ankommt
© 1998- Schule des Rades
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